Grünes Band - Teil 2

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Radtour: Auf den Spuren der deutsch-deutschen Teilung

Teil 2: Von Ilsenburg am Harz bis Priwall an der Ostsee

In Ilsenburg am Fuß des Brocken beginnt der zweite Teil der deutsch-deutschen Radtour: Durch die weiten Ebenen des norddeutschen Tieflands, auf dem Deich an der Elbe entlang, vorbei an idyllischen Seen und der schmucken Hansestadt Lübeck bis Priwall an der Ostsee, wo die innerdeutsche Grenze endet. Unterwegs gibt es wieder vieles zu entdecken: Alte Grenzanlagen, Geschichten über abenteuerliche Fluchten und viel historische Fachwerkarchitektur.

Vom Dreiländereck mit Tschechien führte Teil 1 der Route bis nach Ilsenburg am Harz. Jetzt kann man aufatmen: Berge und anstrengende Steigungen sind Vergangenheit, hier beginnt die weite Ebene des norddeutschen Tieflands. Schon nach ein paar Kilometern spürt man den unwiderstehlichen Reiz dieser Landschaft: Oben die tief hängenden Federwölkchen, rechts und links Wiesen und Felder bis zum Horizont und unter den Rädern endlose, schnurgerade Wege.

Besonders eindrucksvoll ist das im Großen Bruch, einer Talniederung hinter Hornburg, in der man fast 20 Kilometer geradeaus nach Osten radelt – immer an Kanälen und der ehemaligen Grenze entlang. Der alte Plattenweg, Wiesen, wo man hinschaut und weit und breit kein Dorf... Nur in der Mitte gibt es eine Abwechslung: Das Grenzdenkmal Hessendamm, wo noch Reste des Sperrzauns und ein alter Wachturm erhalten sind.

Hinter der tiefen Grube des Braunkohlebergbaus Schöningen erreicht man Hötensleben. Unwillkürlich läuft einem ein Schauer über den Rücken: Vor den ersten Häusern des Orts verläuft eine Mauer, dahinter Kfz-Sperrkreuze, der glatt geharkte Kontrollstreifen, Scheinwerfer und ein doppelter Sperrzaun. Fast, als würde die Grenze hier immer noch stehen – auf jeden Fall kann man sich lebhaft vorstellen, wie ein Leben in der DDR direkt am „Ende der Welt“ ausgesehen hat.

Schnurgerade Wege, Moorlandschaft und Rundlingsdörfer

Nun beginnt ein für Radfahrer etwas leidiges Phänomen: Straßen mit grobem Kopfsteinpflaster, die oft dazu verleiten, lieber am staubigen Straßenrand oder auf den Gehsteigen zu fahren. Das nah gelegene Marienborn hat gleich zwei gegensätzliche Attraktionen zu bieten: Ein hübsches Ensemble aus Klosterkirche, Orangerie und Marienkapelle – und das weitläufige Gelände der ehemaligen Grenzkontrollstelle mit überdachten Kontroll- und Abfertigungsbereichen, Zollgebäuden und Wechselstuben. Direkt an der Autobahn nach Berlin gelegen, war es früher der wichtigste Übergangspunkt von West- nach Ostdeutschland.

Nach einem kurzen Abschnitt entlang der Aller erreicht man den Naturpark Drömling: eine Moorlandschaft mit unzähligen mit Sumpfpflanzen überwucherten Kanälen. Auf „Hosenträgerwegen“ aus zwei schmalen Betonspuren geht es kilometerlang am Wasser entlang – und auf einer Bogenbrücke über den breiten Mittellandkanal. Bei den Dörfern Zicherie und Böckwitz stößt man auf einen Lehrpfad, der eindrucksvoll die Stadien der Grenzabsperrungen aufzeigt: vom noch leicht überwindbaren Bretterzaun bis zu vermintem Streckmetallzaun und uneinsehbarer Betonmauer.

Mal auf Wald- und Wiesenwegen, mal auf kleinen, kaum befahrenen Straßen, radelt man jetzt unverkennbar durch Norddeutschland: In den winzigen Dörfern säumen rote Backsteinhäuser den Weg, und immer wieder stößt man auf eine wehrhafte Steinkirche, eine kleine Burg oder Rundlingsdörfer wie Luckau, wo die Häuser kreisförmig um einen Platz angelegt sind. Nur einen Gasthof, einen Laden oder eine Bäckerei sucht man hier oft vergeblich.

Mit der Fähre und auf dem Deich gegen den Wind: Entlang der Elbe

Bei Wustrow knickt die Grenze nach Osten ab und folgt einer Reihe von Kanälen, bis man den beschaulichen Arendsee erreicht. Hier kann man im See baden, um den See radeln und frische Maränen aus dem See speisen. Ein Stück weiter nördlich  liegt die Wüstung Stresow: Weil das Dorf innerhalb des 500 Meter breiten Schutzstreifens lag, wurden die Bewohner zwangsweise ausgesiedelt, die 16 Höfe des Orts abgerissen.

Bald steht man staunend am Ufer des drittgrößten Stroms in Deutschland: Der Elbe, die hier noch klein und ohne klare Begrenzung durch die saftig-grünen Flussauen fließt. Das Städtchen Schnackenburg mit seiner hübschen Altstadt, das früher auf zwei Seiten von der Grenze umgeben war, wirkt ausgestorben. Damals, als es noch die Grenze gab, sei hier deutlich mehr los gewesen, berichtet die ältere Wärterin des Grenzlandmuseums. Das Museum selbst hält spannende Infos zur Grenzgeschichte bereit: So verlief die Grenze aus westdeutscher Sicht am Ostufer der Elbe, aus Sicht der DDR jedoch in der Flussmitte – was immer wieder zu Konflikten führte.

Ab hier bekommt die Route einen ganz neuen Charakter: Mal auf dem Deich und mal daneben, radelt man immer an der Elbe entlang nach Westen. Schade nur, dass der Wind meist aus der Gegenrichtung kommt. Lustig sind dagegen die kleinen und größeren Elbfähren, mit denen man immer wieder von einer auf die andere Seite quert. Meist muss man nicht lange warten, rollt mit dem Rad an Bord, zahlt das Fahrtgeld – und ehe man sich versieht, ist man schon am anderen Ufer.

Historische Fachwerkhäuser und düstere Geschichte

Immer den Flusskurven folgend, kann man je nach Lust und Laune Zwischenstopps einlegen: im mittelalterlichen Lenzen, bei Aussichtstürmen mit schönen Blick über die Elbauen, in der auf einer Insel gelegenen Altstadt von Hitzacker oder in Boizenburg mit seinen Fachwerkhäusern um den großen Kirchplatz. Von einer weiteren Besonderheit erfährt man nur auf Infotafeln: Die Gemeinde Amt Neuhaus östlich der Elbe war ursprünglich Teil von Niedersachsen. Aus praktischen Gründen – es gab keine Brücke – gaben die Briten sie 1945 an die Sowjets ab, ihre Einwohner wurden unfreiwillig Bürger der DDR. Erst nach der Wiedervereinigung kehrte die Gemeinde 1993 zu Niedersachsen zurück.

Nach einem Bummel durch Lauenburg – unten am Elbufer entlang, dann durch schmale Fachwerkgassen hinauf zum Turm der früheren Askanierburg – verlässt man die Elbe. Entlang des Elbe-Lübeck-Kanals geht es nach Büchen, dann im Zickzack durch blühende Wiesen und wogende Felder nach Nordosten. Mitten in dichtem Wald verbirgt sich die Gedenkstätte für Michael Gartenschläger. Um auf das Unrechtssystem der DDR aufmerksam zu machen, montiert er 1976 zwei Mal Splitterminen vom Grenzzaun ab – bei seiner dritten Aktion wird er von DDR-Grenzbeamten erschossen.

Die schöne Natur entschädigt bald für die düstere Geschichte. Ab Zarrentin am Schaalsee durchquert man die idyllische Landschaft des Naturparks Lauenburgische Seen: Zunächst am Westufer des Schalsees und an mehreren kleineren Seen vorbei, dann am Ostufer des langgestreckten Ratzeburger Sees entlang. Unterwegs lohnt sich ein Stopp in der Altstadt von Ratzeburg, die malerisch auf einer Insel liegt.

Verwilderte Flussauen und Sonnenblumenfelder – dazwischen Lübeck

Schon säumen die ersten strohgedeckten Bauernkaten mit Pferdeköpfen am Dachfirst den Weg, und unzählige Obstbäume verlocken dazu, ein paar Äpfel oder Pflaumen zu stibizen. Entlang der Wakenitz, die hier früher die Grenze bildete, nähert man sich jetzt schon Lübeck. Ihre Ufer sind zum Teil so verwildert, dass sie auch den Spitznamen „Amazonas des Nordens“ trägt.

Nach Lübeck hineinzuradeln und das Holstentor zu erblicken, ist natürlich ein besonderes Erlebnis. Die Altstadt, die auf einer Insel im Fluss Trave liegt, ist voll mit Attraktionen: die alten Salzspeicherhäuser, mehrere große gotische Kirchen, das Willy-Brandt- und das Günther-Grass-Haus – und nicht zu vergessen das berühmte Lübecker Marzipan. Ein paar Kilometer östlich steht an der Stelle des ehemaligen Grenzübergangs die Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup. Ein alter Film und viele Fotos lassen die Geschichte der Grenze lebendig werden – einschließlich der bewegenden Grenzöffnung im Jahr 1989.

Durch blühende Sonnenblumenfelder gelangt man zum Dassower See, einer weiten Ausbuchtung der Trave. Immer nah am Seeufer, radelt man im Bogen durch die winzigen Orte Johannstorf und Volkstorf, bis man wieder zur Hauptstraße kommt. Spannend sind die Informationstafeln zur Geschichte am Weg: Der zur BRD gehörende Dassower See wurde häufig für Fluchten aus der DDR genutzt. Viele der gefährlichen Fluchtversuche gelangen, manche scheiterten. Um Menschen von der Flucht abzuhalten, wurde der Grenzverlauf auf DDR-Karten gefälscht: Das Dassower Wiek war darauf nur ein weißer Fleck.

Die Ostsee: Weite Sandstrände und das Ende der Grenze

Jetzt ist das Ziel nicht mehr weit: Die Ostsee mit ihren langen, hellen Sandstränden. Hier, am östlichen Ende der Halbinsel Priwall, liegt auch der nördlichste Punkt der innerdeutschen Grenze. Auf alten Fotos sind die Sperrzäune am Strand zu sehen, über die sich die Badenden noch zuwinken konnten. Später wurde das Gebiet östlich davon zur Sperrzone, entlang des Dassower Sees verlief eine Mauer.

Dafür kann man sich umso mehr an der Gegenwart freuen: Heute kann man unkompliziert durch das kleine Priwall radeln und mit der Fähre über die Trave zum lebhaften Seebad Travemünde schippern. Oder man nimmt sich in Priwall einen Strandkorb, springt ins kalte Ostseewasser und lässt den Blick über die Weite des Meeres schweifen – frei, zu gehen, wohin und tun, was man möchte.

Text und Fotos: Christine Amrhein

Praktische Infos

Etappen

Ilsenburg – Schnackenburg: 257 km
Schnackenburg – Lübeck: 227 km
Lübeck – Priwall: 33 km

Radreiseführer

bikeline Radtourenbuch. Europa-Radweg Eiserner Vorhang. Deutsch-deutscher Radweg. Am „Grünen Band“ von Lübeck nach Hof. Autor: Michael Cramer. Verlag Esterbauer GmbH, 5. Auflage 2017, ISBN: 978-3-85000-672-9

Öffentliche Verkehrsmittel

in Ilsenburg

Bahnverbindungen nach ganz Deutschland

in Lübeck

Bahnverbindungen nach ganz Deutschland

in Priwall / Travemünde

Bus von Travemünde nach Lübeck, ca. alle 10 bis 30 Minuten

Sehenswürdigkeiten entlang der Route

Grenzdenkmal Hötensleben

www.grenzdenkmal.com

Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn

gedenkstaette-marienborn.sachsen-anhalt.de/startseite

Biosphärenreservat Drömling

www.biosphaerenreservat-droemling.de

Grenzlehrpfad Böckwitz-Zicherie

www.grenz-museum.de/grenzlehrpfad

Arendsee

luftkurort-arendsee.de

Grenzlandmuseum Schnackenburg

www.grenzland-museum-schnackenburg.de

Hitzacker

www.elbtalaue.de/home/meine-samtgemeinde

Lauenburg

www.herzogtum-lauenburg.de/lauenburg

Gedenkstätte Michael Gartenschläger

www.stsg.de/cms/torgau/michael-gartenschlaeger

Schaalsee

www.schaalsee.de

Ratzeburg

www.herzogtum-lauenburg.de/ratzeburg-inselstadt

Lübeck

www.luebeck-tourismus.de

Grenzdokumentationsstätte Lübeck-Schlutup

www.grenze-luebeck.de

Halbinsel Priwall

priwall.de

Übernachten

in Drübeck (bei Ilsenburg)

Landhaus Tonmühle
Kutschweg 1a
38871 Drübeck / Ilsenburg
Tel.: 039542-80030
kontakt@landhaus-tonmuehle.de
www.landhaus-tonmuehle.de

in Walbeck (bei Helmstedt)

Hotel & Waldgaststätte Barriere Rehm
Barriere 167
39356 Walbeck
Tel.: 039061-2502
Mobil: 0177-7345379

am Arendseee

Pension Zur Wildgans
Zießau Nr. 8
39619 Zießau am Arendsee
Tel.: 039384-973895
Mobil: 0171-3025917
hotel@zur-wildgans.de
www.zur-wildgans.de

in Hitzacker

destinature Dorf (Übernachten in Hütten / Bed to go)
Elbuferstraße 4
29456 Hitzacker (Elbe)
Tel.: 05862 – 338 99 43
destinature.dorf@werkhaus.de
www.destinature.de

in Büchen

Gästehaus – Pension Zur Mühle
Pötrauer Straße 3a
21514 Büchen
Tel.: 0151-72030303
pension-zur-muhle-lucias-gastehaus

in Ratzeburg

Gästehaus Domkloster
Ansprechpartnerin: Frauke Lubenow
Domhof 33
23909 Ratzeburg
Tel.: 04541-86310
gaestehaus.domkloster@vorwerker-diakonie.de
/www.pastoralkolleg-rz.de/haus

in Lübeck

Hotel Alter Speicher
Beckergrube 91-93
23552 Hansestadt Lübeck
Tel.: 0451-704804
info@hotel-alter-speicher-luebeck.de
www.hotel-alter-speicher-luebeck.de

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