Vaegabond – Fahrrad-Weltreise von Melanie und Daniel

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Vaegabond – Mit dem Fahrrad um die Welt

von Florian Eßer

Melanie Steinigen (30) und Daniel Kast (29) befinden sich im Abenteuer ihres Lebens. Im September 2019 brach das Paar aus Süddeutschland zu einer außergewöhnlichen Weltreise auf: Fünf Jahre lang wollen sie unterwegs sein und bis nach Japan kommen - mit dem Fahrrad.

Viele Menschen träumen davon, auf eine Weltreise zu gehen - davon, ihre sieben Sachen zu packen und dieselbe Anzahl an Kontinenten zu entdecken. Davon, die allzu vertraut gewordenen heimischen Gefilde hinter sich zu lassen und das Fernweh in fremden Kulturkreisen zu lindern.

Das ist kein neuzeitliches Phänomen: Die wohl bekannteste Erzählung einer solchen Weltreise ist der Roman “In 80 Tagen um die Welt” des französischen Schriftstellers Jules Verne, zudem ihn die Geschichte des George Francis Train inspirierte: 1870 brach Train zu einer Weltumrundung auf, die ihm tatsächlich in nur 80 Tagen gelang.

Dieser zur damaligen Zeit rekordwürdige Eilmarsch um die Erdkugel brachte Train den Ruf eines Exzentrikers ein, den er kurz darauf untermauerte, als er dieselbe Reise in nur 60 Tagen hinter sich brachte. Wenn auch aus anderen Gründen, ließe sich wohl auch das Projekt von Melanie Steinigen und Daniel Kast als exzentrisch betrachten - im positiven Sinne.

Bamberg, 15. September 2019

Ein wenig aufgeregt sind Melanie und Daniel dann doch. Immerhin wird das junge Paar aus Bamberg die oberfränkische Kleinstadt an der Regnitz morgen verlassen. Nicht für einen Wochenendtrip oder für einen zweiwöchigen Urlaub, nein: Für ganze fünf Jahre werden sie das Städtchen mit seinem historischen Rathaus und der renommierten Otto-Friedrich-Universität nicht wiedersehen.

Ihren Freunden und Familien hatten sie ihr Vorhaben schon vor Langem angekündigt, so recht glauben wollte es zunächst aber niemand. Wer kann es ihnen verübeln? Es klingt schließlich schon etwas verrückt: Eine Weltreise. Von Bayern nach Japan. Und das auf dem Fahrrad.

Eine große Reiselust hatten Melanie und Daniel schon immer, sind mit dem Rucksack durch Südostasien gereist und haben stets gewusst, dass der Tag kommen wird, an dem sie zu einer Weltreise aufbrechen würden. Und morgen ist es soweit.

Los geht es...

Den ganzen Tag haben Melanie und Daniel ihr Gepäck in den schier zahllosen Satteltaschen ihrer Räder verstaut: Schlafsäcke, ein Zelt, Werkzeug und Ersatzteile, falls die Gefährte einmal repariert werden müssen, und eine kleine Apotheke für den Fall, dass sie selbst nicht ganz unbeschadet bleiben sollten. Dazu noch Klamotten  für Temperaturen von -25 bis 40 Grad Celsius, eine komplette Kochausrüstung, Essen für sieben Tage, Wasser für Zweieinhalb. Gut ausgestattet sind sie, stellen die beiden zufrieden fest, vergessen haben sie scheinbar nichts. Aber sind sie der Herausforderung auch körperlich gewachsen? Klar, Melanie macht Yoga und unsportlich sind sie beide nicht - aber eben auch keine Leistungssportler. Sie arbeitete zuvor im Gesundheitswesen, er in der Energie und Gebäudetechnik. Neben den Jobs blieb da nicht viel Zeit, um sich regelmäßig aufs Rad zu schwingen und für die Weltreise zu trainieren.

Ein wenig aufgeregt sind Melanie und Daniel dann doch. Aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher, zu lange haben sie ihrem Aufbruch entgegen gefiebert, haben sich in den letzten fünf, sechs Jahren zurückgenommen, um Geld für ihre Reise zu sammeln: Sie teilten sich ein WG-Zimmer, um Kosten zu sparen, arbeiteten viel und ihrer Freizeit trafen sie Vorbereitungen, richteten ihre Website ein: Vaegabond sollte ihr Projekt heißen, Vagabunden wollten sie sein. Sich treiben lassen und statt Termindruck und Alltagsstress den Fahrtwind und die Freiheit spüren - eigentlich ist das das Ziel ihrer Reise, nicht Japan, wie sie immer sagten. Dort wollen sie zwar hin, aber ihre Reise muss dort nicht zwingend enden. Vielleicht werden sie vom Land der untergehenden Sonne weiter nach Südamerika reisen. Wer rastet der rostet, der Weg ist das Ziel. Das wusste schon Konfuzius.

Noch einmal blicken sie aus dem Fenster auf die in ihrer Einfahrt stehenden Räder, die dort wie Packesel beladen auf den Morgen warten. Dann würden sich Melanie und Daniel auf ihre bepackten Drahtesel setzen und ihren Traum von der Weltreise endlich Wirklichkeit werden lassen. Jetzt aber müssen sie schlafen, um am großen Tag fit zu sein. Aber das Schlafen fällt schwer. Ein wenig aufgeregt sind Melanie und Daniel dann doch.

Antalya, 7. November 2020:

Dass Melanie und Daniel Bamberg verlassen haben, ist nun schon über ein Jahr lang her. Die Zeit vergeht schnell - tempus fugit, wie der Lateiner sagen würde. Und noch schneller vergeht die Zeit, wenn man sie zum Großteil auf dem Sattel eines Fahrrads verbringt. Mit den Füßen auf den Pedalen, in einer stetig kreisenden Bewegung der Beine.

Selbstbestimmt und entschleunigt

Am ersten Tag ihrer Reise, damals an jenem Montag im Herbst 2019, waren sie gerade einmal 25 Kilometer gefahren. Danach tat ihnen alles weh. Die Räder waren noch nicht richtig eingestellt, die Körper der beiden noch nicht an die Belastung der abertausenden Tretbewegungen gewöhnt. Heute schmunzeln sie, wenn sie an ihre anfänglichen Fahrten denken. 25 Kilometer sind mittlerweile ein Klacks für sie, die täglich zwischen 45 und 110 Kilometern zurücklegen. Aber ganz ohne Eile. Eile kennen sie schon fast nicht mehr, Zeitdruck und Stress existieren quasi nicht, wenn die Landschaft in impressionistischen Schlieren an ihnen vorbei rauscht. Deswegen haben sie sich ja auch für die Reise per Fahrrad entschieden. Die hektische Welt in Deutschland hinter sich lassen, entschleunigt werden, zur Ruhe kommen. Und das Fahrrad zwingt sie dazu. Zwingt sie dazu, langsam zu reisen. Dazu, nicht einfach von A nach B zu hasten, um sich schnell vor einigen Sehenswürdigkeiten ablichten zu lassen und dann wieder zum Reisebus zu hasten, wie es doch sonst schon fast in der Natur des gemeinen Touristen liegt. Immerhin sind sie nicht George Francis Train, der die Welt in so kurzer Zeit wie möglich umrunden wollte.

Melanie und Daniel können anhalten, wann immer sie wollen, weiterfahren, wann immer es ihnen gefällt. Sehen sie etwas Interessantes am Straßenrand, dann fahren sie rechts ran und gehen auf Erkundungstour. Und was es schon alles zu erkunden gab! Über 10.000 Kilometer sind sie bis jetzt bereits geradelt: Von Bamberg aus in die Niederlande, von dort weiter nach Belgien und Luxemburg. Dann nach Frankreich, Marokko und Österreich. Italien, Slowenien, Kroatien und Bosnien Herzegowina. Schließlich ging es nach Montenegro, jene Republik an der Adriaküste, deren Name nicht umsonst mit “Schwarzer Berg” zu übersetzen ist: 34 Grad im Schatten in eintausend Höhenmetern - eine wahre Tortur. Aber sie haben es geschafft, auch wenn sie beinah zusammengeklappt wären. Und mit ihnen ihre Fahrräder, die ihnen schon so gute Dienste geleistet haben. Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde - oder eben auf dem Fahrradsattel.

Menschen, die in Erinnerung bleiben

Nachdem sie den schwarzen Berg bezwungen hatten, ging es für das Paar weiter nach Albanien, ins nördliche Mazedonien, dann über Bulgarien und letzten Endes in die Türkei. Hier hat man sie kurz nach ihrer Ankunft interviewt. Als der Journalist sie fragte, welches Land ihnen bis jetzt am besten gefallen habe, mussten sie erst einmal grübeln. Natürlich hatten sie atemberaubende Landschaften gesehen, etwa die Küstenlinie Kroatiens mit ihren felsigen Stränden und dem kristallklaren Meer.

Aber es waren weniger die Länder, die ihnen besonders in Erinnerungen geblieben sind, als die Menschen, denen sie begegneten: Die Marokkaner etwa mit ihrer immensen Gastfreundschaft, die sie zu sich nach Hause einluden, wo sie gemeinsam mit den Familien aßen, als wären sie selbst ein Teil von ihnen und nicht irgendwelche Fremden, die da an ihrer Tafel Platz genommen hatten. Schlafen durften sie dort auch, was eine wahre Wohltat war, wenn man die meisten Nächte in einem Zelt verbringt. Oder in der Hängematte. Das ist zwar auch bequem, aber ab und an in einem richtigen Bett zu schlafen, ist auch nicht verkehrt.

Sparsam und bescheiden

Ja, alles in allem sind sie bisher gut durchgekommen. Die drei Euro, die sie pro Tag für ihre Verpflegung eingeplant hatten, reichten meistens aus. Die Kosten für die Verpflegung variierten zwar je nach Land, in dem sie sich gerade befanden, aber im Grunde kamen sie mit dem Geld immer gut zurecht. Sparsam und bescheiden leben, die Natur und die einfachen Dinge genießen. Auch darum geht es ihnen schließlich.

Köln, 7. November 2020

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung sind Melanie und Daniel, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Türkei befinden und mit denen ich verabredet bin, um mit ihnen über ihre bisherigen Erfahrung auf ihrer Weltreise zu sprechen. Die beiden sind gut gelaunt und wirken erstaunlich ausgeschlafen und fit - nicht nur wenn man bedenkt, wie viele Kilometer sie in den letzten Monaten hinter sich gebracht haben.

Körperliche und mentale Herausforderung

Zu Beginn ihrer Reise seien sie zwar nach jeder Tour erschöpft gewesen, mittlerweile hätten sie sich laut Daniel aber daran gewöhnt: „Am Anfang stand tatsächlich der Schmerz im Fokus, aber irgendwann nimmt man den gar nicht mehr so richtig wahr und es ist alles nur noch Kopfsache”, erzählt der 29-jährige. So würden viele, die sich wie Melanie und Daniel mit dem Rad auf Reisen machen, nicht wegen der körperlichen Belastung, die so ein Trip mit sich bringt, aufgeben und den Heimweg antreten. Vielmehr seien es die mentalen Herausforderungen, die die Menschen vor eine Prüfung stellen würden: „Wenn man jeden Tag mehrere Stunden auf einem Fahrrad sitz, strampelt und geradeaus fährt, dann hat man viel Zeit, um sich Gedanken über sich selbst und die Welt zu machen”, erklärt Daniel lachend.

Wenn man aber den inneren Schweinehund überwinde und sich nicht entmutigen ließe, halte das Leben aus der Satteltasche wundersame Momente bereit, wie Melanie hinzufügt: „Wenn man die Herausforderung annimmt, dann kann man sie auch meistern - man wächst total an einer solchen Reise und kann ganz unvorhergesehene Dinge erleben.” So haben die beiden im Laufe ihrer bis dato einjährigen ‘Tour du monde’  nicht nur gelernt, wozu man in der Lage ist, wenn man an die eigenen Grenzen geht.

Gastfreundschaft

Besonders inspiriert und beeindruckt habe sie nämlich die Gastfreundschaft und die Hilfsbereitschaft der Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten, die die beiden in dieser Form in Deutschland nie erfahren haben: „Das sind so Sachen, die wir auch in unser eigenes Leben einbauen wollen”, resümiert Melanie, „und die wir auch beibehalten möchten, wenn wir wieder in Deutschland sind.”

Blog und Video-Tagebücher

Ihre Erfahrungen halten Melanie und Daniel auf ihrem Blog und in Videos fest, die sie auf ihrem YouTube Kanal hochladen. In regelmäßigen Abständen veröffentlichen die beiden Weltreisenden ihre Videotagebücher auf diese Art im Internet und geben so Interessenten Einblicke in ihre außergewöhnliche Unternehmung. Auch erhoffen sich die beiden Globetrotter, ihre Reise irgendwann durch die Einnahmen ihres YouTube-Kanals und ihres Patreon-Accounts zum Teil mitfinanzieren zu können – „bis dahin wird es aber noch eine Weile dauern”, lacht Daniel. Vielmehr gehe es den beiden aber ohnehin darum, mit ihrem Online-Auftritt ein Netzwerk aus Freunden und Unterstützern aufzubauen, denen sie so etwas zurückgeben wollen.

Wer sich für das Thema Reisen interessiert wird auf dem Kanal und auf dem Blog der Vaegabonds aber auf jeden Fall fündig: Neben Tipps für die eigene Weltumrundung teilen Melanie und Daniel hier auch Rezepte für das Kochen an der Feuerstelle oder dem Campingkocher und allerlei kuriose Geschichten aus ihrem Leben auf zwei Rädern. Etwa von dem Abend, als die beiden Süddeutschen zum Mittelpunkt einer für sie organisierten marokkanischen Hochzeit wurden - inklusive traditioneller Gewänder und aufgemalter Henna-Tattoos.

Als sich Melanie und Daniel verabschieden und ich das Telefon auflege, beschleicht mich plötzlich ein merkwürdiges Gefühl: Ich schaue aus dem Fenster auf die viel befahrenen Straßen Kölns, höre den Lärm der Baustellen und das “Pling”-Geräusch, das eine weitere E-Mail ankündigt, die gerade in das Postfach eintrudelt. Und in diesem Moment denke ich daran, wie sich Melanie und Daniel ohne diesen Trubel fühlen müssen, wenn sie mit ihren Rädern in aller Herren Länder unterwegs sind. Vielleicht sollte ich doch mal wieder das Klapprad, das selbst für Klapprad-Verhältnisse klapprig ist, aus dem Keller holen, mich auf den Sattel setzen und losfahren - bis dahin, wo der Schmerz zur Kopfsache wird. Und weiter. Ein wenig aufgeregt bin ich jetzt auch.

Mehr Informationen zu Melanie, Daniel und ihrer Weltreise mit dem Rad gibt es im Netz unter: https://vaegabond.com

https://youtube.com/vaegabond 
https://facebook.com/vaegabondsworld 
https://instagram.com/vaegabondsworld

 

Text: Der Autor Florian Eßer ist freier Journalist und lebt in Köln

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