Frankreich flussabwaerts mit dem Rad ans Mittelmeer 2. Teil

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Aus Burgund ins Beaujolais

Nass vom Tau ist heute das Zelt und auch die Stimmung ist dank Nässe und Schmutz nicht allzu gut. Erst mal den Einstieg zum Flussweg wieder finden: einige schöne Wiesenwege, die idyllisch dem mäandernden Bachlauf folgten, enden an Zäunen bis ich den richtigen Weg finde. Bei  Montmerle-sur-Saône wird der Wege zu einer Art ökologischem Lehrpfad: Die Ufer renaturiert mit Schilf, Wasserschlinken und Erklärungstafeln. Mal war auch der alte Straßenbelag der Uferstraße mit Flusskieseln als Randbegrenzung noch erhalten.  Am Fluss kann ich bleiben bis Neuville. Ganz offenbar ist hier die Flussidylle vorbei und ich wechsele auf die D51 auf die andere Seite.

Die Straße ist angenehmer als gedacht: Radwege sind oft durch Markierung von der Autospur abgetrennt und werden auch respektiert, außer von parkenden Lkw. Gefährlich nur immer wieder, wo der markierte Radstreifen endet. Die Straße folgt immer wieder schöner Flusslandschaft. In Collonges-au-Mont-d´Or, kurz vor Lyon, grüßt der bekannte Koch Paul Bocuse von der bemalten Hausfassade seines Restaurants. Und dann Stadtlandschaft: Bald sind die Gehwege den Fluss entlang so breit, dass sie auch für Radler befahrbar sind, ohne die Fußgänger zu stören. In großen Schleifen windet sich die Saône mitten in die Großstadt hinein. Hier wieder heraus und auf den Weg nach Vienne zu finden hat Nerven gekostet und ich verbringe die Nacht in einem Hotel an der Autobahn, 15 Kilometer. Richtig wäre in Lyon gewesen, sich nicht am Fluss zu orientieren sondern an den Hinweisschildern nach Venissieux und schließlich auf dem  Landsträsschen, Route de Vienne, nach Vienne.

Vom Fluss in die „Berge“

Die Flussroute links der Rhône erweist sich als unfahrbar: alle Wege sind eingeklemmt zwischen Wasser und Autobahn. Rechts bietet die Karte lediglich die große D 86. Daher verlasse ich bei Vienne für eine Weile die Rhône und folge ihrem Lauf aus etwas erhöhter Perspektive: Ich fahre auf Umwegen  zur  D 538 nach Cour-et-Buis. Dieser Straße, auch nicht gerade ein kleines Landsträßchen, folge ich zwei Tage lang, ein gemäßigtes Auf und Ab, links die zackige Bergkulisse des Vercors und rechts immer in Sichtweite das Rhônetal. Am ersten Tag bis Hauterives, ein kleiner Ort, der in Frankreich sehr bekannt ist durch das „Palais Idéal“, ein Fantasieschloss, das der Dorfbriefträger Ferdinand Cheval in jahrzehntelanger Arbeit zusammengetragen hat. Kultusminister Malraux hatte es zum Nationalen Denkmal erhoben. Für mich eine Zufallsentdeckung, die sich sehr gelohnt hat.

Hauterives liegt im Tal der Galaure, von hohen „Ufern“ umgeben, wie der Name schon sagt. „Crest als Tagesziel, kein Problem“, sagt mein Radler-Gastgeber in Hauterives. „Hier bei Hauterives etwas den Berg hoch und dann immer eben, fast eben.“ Stimmt auch, nur der Anstieg ist heftig.  Aber dann die schöne Drôme-Landschaft: blühende Pfirsichbäume, Walnussplantagen. Und in rascher Fahrt nach Romans-sur-Isère, kurze Mittagspause und immer weiter auf der D 538 aus dem Ort der Schuhe wieder hinaus. Die Straße ist schnell und viel befahren und man kommt gut voran. Aber um auf solch belebter Straße zu fahren, bin ich nicht hinauf in die Berge gefahren. Daher vor Crest eine  lange Abfahrt, diesmal im Regen, zum Fluss Drôme, der der Region auch ihren Namen gegeben hat und weiter flussabwärts. Morgen versuche ich es bei Montélimar wieder, an der Rhône zu fahren.

Keine Tour de Force mehr in der Provence

Weiter flussabwärts nach Livron und Loriol. Auf kleinen Sträßchen nach Montélimar zu fahren, erweist sich als schwierig. Immer wieder führen Wegweiser auf die Nationalstraßen hin und die Einheimischen sind bei der Auskunft nach Fahrradwegen oft auch nicht hilfreich. Wer hat schon Zeit, Rad zu fahren? 

Montélimar – endlich wieder an der Rhône. Von Montélimar die D75, auf der Karte dick eingezeichnet aber eine relativ kleine Straße, nach Châteauneuf-du-Rhône. Zufällig entdecke ich einen unbefestigten Weg zwischen Eisenbahn und Fluss, zwar nur die paar Kilometer von Châteauneuf nach Donzère, aber dennoch genug, um mir das genussvolle Gefühl der Flussradtour zurück zu bringen.

Von Donzère auf verschiedenen D´s, immer große verkehrsreiche Straßen, unter Autobahn und Bahn durch, über den Canal de Donzère überqueren zur Krokodilfarm bei Pierrelatte. Ich finde den Besuch lohnend, wenn auch ein bißchen teuer: 13 Euro! Mich faszinieren diese Urtiere immer.

Weiter quer über die Inseln zwischen Kanälen und Fluss – Kühlung der Atomkraftwerke von Tricastin vermute ich – Richtung Pont-St.-Esprit auf die rechte Flussseite.

Noch zwei Fahrtage bis zum Meer

Am nächsten Tag dichter Nebel bis fast gegen Mittag und Gegenwind das Tal hoch. Auf der N 86 Richtung Pont-St.-Esprit und über eine lange Brücke hinauf in die Stadt. Der Fluss ist hier eine ganze Flusslandschaft mit Kiesbänken und kleinen Seitenarmen. Samstag ist Markttag und die Stadt voll Autos und Menschen, die sich zwischen Marktständen drängen. Da passe ich mit meinen Packtaschen nicht mehr dazwischen. Daher raus durchs Stadttor und weiter flussabwärts Richtung St. Georges, St-Etienne-des Sorts immer auf kleinen Sträßchen. Bei Codolet über eine Brücke, eine Schleuse, ein Seitenarm wird umfahren. Der Radweg auf einem Damm führt durchs Ried und wieder nach rechts über den Fluss nach Roquemaure. Bis zum Vesper reicht es noch bis Villeneuve-lès-Avignon, wo eine mächtige Burg umrundet wird. Breit ist die Rhône hier, Lastkähne fahren den Fluss hoch und über den Baumwipfeln am anderen Ufer ist die goldene Madonna vom Papstpalast in Avignon zu sehen.
Da die D 2 viel Verkehr hat, wechsele ich auf den Dammweg, der aber so grob geschottert ist, dass auch das anstrengend zu fahren ist und ich sehr langsam vorankomme. In Aramon verlasse ich Dammweg und Fluss, denn das Ziel der vorletzten Etappen liegt etwas abseits bei Freunden, kurz vor Remoulins am Ufer des Gardon.

La Grande Bleue – die Große Blaue

„La Grande Bleue nennen wir Franzosen das Mittelmeer, weil es doch gar kein richtiges Meer ist“, erklärt mit mein französischer Freund Patrick ironisch. Patrick begleitet mich auf der letzten Strecke. Kurz vor Tarascon der Zusammenfluss von Gardon und Rhône. Der Gardon ist ein kleiner Fluss, der aus den Cevennen kommt und dem Department Gard, aber auch einem großen, angeblich schlammig schmeckenden Fisch seinen Namen gegeben hat. Die Brücke über die Rhône nebenan ist Teil eines Stauwerks, so groß, dass ein See entstanden ist, den Löschflugzeuge zum Aufnehmen von Wasser nutzen. Auf Feldwegen, die ohne ortskundigen Führer nicht zu finden wären, erreichen wir Tarascon. Die Burg von Tarascon ist eine imposante Anlage direkt am Fluss. Eine Besichtigung wird mir empfohlen.

Von Tarascon aus möglichst der Bahnlinie entlang die 18 Kilometer nach Arles, der „Hauptstadt der Camargue“, flächenmäßig die größte Stadt Frankreichs. Unterhalb der Altstadt der Hafen. Gegenüber, auf der rechten Seite des Flusses in Fourques kann man sich entscheiden, den Dammweg an der kleinen Rhône, le Petit Rhône, entlang fahren oder den Radwegschildern nach Les-Saintes-Maries-de-la-Mer zu folgen. Wir entscheiden uns für die Radwegempfehlung, kürzen damit den langen Flussbogen ab und fahren Richtung Gimeaux, Landsträßchen mit sehr wenig Verkehr. Das Land ist hier bereits Topfeben. Tamarisken blühen. Saliers, der Ort mit dem salzigen Namen, liegt mitten in Reisfeldern, heiß und samstäglich verlassen.

Unspektakuläres Ende eines Flusses

Ab  Albaron fahren wir dann auf dem Damm der kleinen Rhône, der zumeist gut zum Radeln geeignet ist, wären da nicht immer wieder sehr eng geführte Absperrschranken und Verbotsschilder. „Wenn in Frankreich irgendwo ein Verbotsschild steht, gibt es fast immer etwas Interessantes zu sehen“, kommentiert der Franzose und ignoriert die Schilder.

Die Kleine Rhône mäandert nach Süden und der Damm folgt ihr. An der Brücke nach Aigues Mortes wechseln wir auf die D38 und bald ist der Touristenort Les-Saintes-Maries zu sehen. Kurz vor der Mündung der Rhône biegt die Straße scharf nach Osten. Hinter dem hier angelegten Campingplatz fahren wir direkt zur Mündung. Einige Meter ist die eigentümliche Färbung des Flusswassers noch im Meer zu sehen, dann taucht es unter der heranrollenden Dünung weg: Ein unspektakuläres Ende des Flusses.

Es ist Spätnachmittag und die Kirche aus dem 9. Jahrhundert, deren Besichtigung unbedingt lohnt, schließt bald. Vom Kirchendach, dem höchsten Punkt weit und breit, die Grande Bleue im Rücken und vor mir die salzige, sumpfige Weite der Camargue blicke ich zurück auf die letzten zwei Wochen: Eine solche Tour mache ich bald mal wieder.

Karl-Heinz Behr

Vorschlag für die Rückfahrt nach Freiburg

Von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer auf dem Dammweg nach Osten zum Leuchtturm, dann nördlich entlang dem Etang de Vaccarès durch das Naturschutzgebiet der Camargue und zurück zur Rhône bis Arles. In Arles den Zug nach Avignon und von Avignon über Lyon im TGV nach Strasbourg bis Colmar. Von Colmar aus sind noch etwa 70 Kilometer nach Freiburg zu radeln. Achtung: TGV für Radmitnahme vorher reservieren, am besten einige Wochen vorher.

Fazit der Tour

  • Mit dem Rad gut befahrbare Wege – landschaftlich schön, wenig Autoverkehr – zu finden, braucht Zeit und man sollte Leute auf Französisch nach dem Weg fragen können. Manche gute Strecken enden plötzlich und man muss sich wieder irgendwie durchfinden. Ein Radwegenetz gibt es meiner Erfahrung nach nicht.
  • Der Eurovelo (siehe auch www.eurovelo6.org)  ist ein schöner Weg und meist gut ausgeschildert. Die Voies Bleues sind vor allem in den Städten zunehmend gute Empfehlungen. In manchen Départements, Drôme zum Beispiel, sind Radwege gut ausgeschildert.
  • In Frankreich scheint man die Flussufer als Erholungslandschaften zu entdecken. Das wäre ein Gewinn.

Alle Angaben wurden von Hayit Medien und radtouren.de nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Allerdings kann keine Gewähr oder Haftung für einen etwaigen Schaden übernommen werden.

Text/Fotos: Karl-Heinz Behr (c) copyright, Alle Rechte vorbehalten

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